Cactus gewinnt Preis: Bürger machen Zukunft 2006 in Gold

Der Bürgerpreis in Gold, ein von Dieter Sieger geschaffener Ehrenpreis und ein 5000-Euro-Scheck geht an Barbara Kemmler und Cactus Junges Theater. Im Rahmen des Projektes "Werkplatz diverse Kultur" hat Barbara Kemmler mit jungen Leuten verschiedener Nationalitäten, die alle Migrationshintergrund haben, etliche Theaterstücke auf die Beine gestellt. "Mit Ihrem Projekt", so betonte Ralph Schwichtenhövel vom Bürgerpreis-Sponsor Versatel in seiner Laudatio, "haben Sie eindrucksvoll gezeigt, wie der Brückenschlag zwischen Deutschen und Migranten gelingen kann".
INTERVIEW Westfälische Nachrichten
„Ihr seid spannend“
Bürgerpreis in Gold für das Junge Theater Cactus
Münster. Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund sei eines der Schlüsselthemen unserer Zeit, hieß es bei der Bürgerpreis-Verleihung im Rathausfestsaal. Barbara Kemmler hat dafür einen besonders interessanten Weg gefunden – das Theater. Sie ist künstlerische Leiterin des Cactus-Theaters, das mit Jugendlichen unterschiedlichster Nationalitäten spannende Theaterstücke inszeniert („Zungen“, „Ich tanze so schnell ich kann“ oder „Ich bin die Schöne und das Biest“). Am Donnerstag wurde diese Arbeit mit dem Bürgerpreis in Gold ausgezeichnet, gestern unterhielt sich WN-Redakteur Wolfgang Schemann mit der Theatermacherin, die seit 32 Jahren in Münster als Schauspielerin und Regisseurin tätig ist.

Wie ist das Cactus-Theater entstanden?
Kemmler: Cactus Junges Theater ist Anfang der 90er Jahre entstanden als ein Theater gegen Rassismus. Weil wir gedacht haben, es sei sinnvoll, sich auf der Bühne oder im Probenraum, also leibhaftig mit dem Thema auseinander zu setzen. Wir haben seitdem immer wieder mit Jugendlichen und auch mit Künstlern verschiedener Nationalitäten gearbeitet. Und inzwischen hat dieser Bereich unseres Theaters auch seinen eigenen Namen: „Werkplatz diverse Kultur“.
Und wie kam das Theater zu dem Namen Cactus?
Kemmler (lacht): Dahinter steckt sicher die Botschaft: Wir sind stachelig – aber wir haben auch schöne Blüten.
Was kann das Theaterspielen für die Integration leisten?
Kemmler: Zunächst mal ist es wichtig, glaube ich, dass die Jugendlichen spüren, dass sie gefragt sind – dass sie Gelegenheit bekommen, ihre Kompetenz, ihre eigene Sprache, ihre Fähigkeiten und Erfahrungen einzubringen. Unser Ansatz lautet deshalb auch nicht: Ihr habt Defizite und deshalb machen wir Theater – sondern: Ihr bringt etwas mit, Ihr seid spannend. Das Zweite ist, dass wir immer wieder versuchen, die Themen der Jugendlichen in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu stellen. Wir machen kein Polit-Theater. aber wir bemühen uns, Stücke zu produzieren, die deutlich machen, dass die Jugendlichen wichtig sind – dass wir auch von ihnen etwas lernen können.
Sie schreiben und erarbeiten die Stücke selbst?
Kemmler: In der Regel entwickeln wir die Stücke mit den Jugendlichen im Probenraum. Das heißt, es gibt ein Thema – und dann fangen wir an. Deshalb brauchen wir auch sehr lange – bis zu einem Jahr. Man trifft sich erst einmal die Woche, später gibt es zweimal zwei Wochen Intensivproben in den Ferien. Ich habe im Übrigen einen hohen Anspruch – und das ist gut für die Jugendlichen. Dabei lernen sie auch eine Menge an Regeln – nach der Methode: Wenn wir gemeinsam das und das auf die Bühne stellen wollen, dann müssen wir das und das beherzigen.
Wie viele Jugendliche machen bei Cactus mit?
Kemmler: Wenn ich alle Projekte zusammen nehme, sind das sicher 70 bis 80 Jugendliche aus 15 bis 20 verschiedenen Ländern.
Wie bewältigen Sie die sprachlichen Probleme?
Kemmler: Die Jugendlichen haben fast alle Förderunterricht gehabt und sprechen Deutsch. Dabei darf man nicht vergessen, dass viele – auch wenn sie noch nicht hundertprozentig deutsch sprechen – große sprachliche Kompetenz mitbringen und zum Teil mehrere Sprachen beherrschen. Ich meine deshalb auch, dass man immer beides fördern und berücksichtigen muss – dass man also mit der Muttersprache und mit deutschen Texten arbeitet. Im Übrigen ist die Internationalität der Gruppe für uns wichtig – da sind wir alle fremd. Und dann geht es darum, mit dieser Vielfalt klarzukommen.
Wie ist das Verständnis der unterschiedlichen Nationalitäten untereinander?
Kemmler: Damit haben wir bislang immer Glück gehabt. Zurzeit arbeiten wir mit einer Clique, die sich an einer Schule gebildet hat – und die besonders stolz darauf ist, dass sie viele Nationalitäten integriert. Das Interessante an dieser Freundschaftsclique ist, dass sie teilweise Funktionen einer klassischen Familie übernimmt. Ich will mal ein Beispiel nennen: Da gibt es ein Mädchen aus Osteuropa, das offenbar Schwierigkeiten hat, morgens rechtzeitig zur Schule zu kommen – weshalb ein Junge aus Kamerun sie jeden Morgen anruft. Ich finde, das ist ein sehr schönes Beispiel für soziale Kompetenz. Und es ist nicht das einzige.
Was bedeutet der Preis für Ihre Arbeit?
Kemmler: Also – ich habe mich total gefreut. Das ist der erste Preis, den wir in Münster bekommen haben. Er ist für uns auch ein Signal: Unsere Arbeit wird wahrgenommen. Und der Preis kam auch zum richtigen Zeitpunkt.
Inwiefern?
Kemmler: Die Arbeit ist manchmal auch sehr mühselig, weil wir keine Regelförderung bekommen. Ich muss ungeheuer viele Anträge schreiben, um das Theater über Wasser zu halten – mitunter beansprucht das 70 bis 80 Prozent meiner Zeit. Aber trotzdem muss ich sagen: Es gibt hier bei der Stadt ein hohes Maß an Bereitschaft. Cactus zu unterstützen. Schwieriger ist es mit den Landesmitteln. Auch da gibt es zwar Wohlwollen – aber das Prozedere ist extrem kompliziert. Manchmal komme ich mir vor wie ein Trüffelschwein – immer auf der Suche nach Geldquellen.
Was machen Sie mit den 5000 Euro, die Sie mit dem Bürgerpreis erhalten?
Kemmler: Eine gute Frage. Wir werden sehr gründlich darüber nachdenken, denn wir haben hier ständig Löcher zu stopfen. Auf alle Fälle brauchen wir einen neuen Computer. Ein Teil des Geldes werden wir sicher in ein neues Projekt im Kongo stecken.
Theater im Kongo?
Kemmler: Ja, wir möchten im nächsten Jahr ein Theaterstück mit jungen Frauen im Kongo produzieren – mit drei jungen Frauen, die hier schon einige Jahre Theater gespielt haben, und sechs jungen Frauen aus dem Kongo. Ein Stück, das im Jahr darauf in ganz Deutschland – auch hier in Münster – gezeigt werden soll.|www.cactus-theater.de
Interview: Wolfgang Schemann, Westfälische Nachrichten, 9.12.2006
Foto: Oliver Werner