Zungen

Zungen

Eine theatrale Komposition in zehn Sprachen

 
Zungen
Die Zunge schmeckt, provoziert, spricht, fühlt, hängt zum Hals raus oder versteckt sich hinter blendenden Zahnreihen. Zungen – eine theatrale Komposition in zehn Sprachen: Das klingt nach Musik. Ist es auch. Globalisierte Sprachmusik, inszeniert mit acht jugendlichen Schauspielern und Schauspielerinnen vom Gymnasium Paulinum und von der Geistschule in Münster– die alle unterschiedliche „Mutterzungen“ haben, unterschiedliche Muttersprachen.

Im Zentrum des Stücks - von Cactus Junges Theater in Kooperation mit dem Institut für Deutsche Philologie II der WWU initiiert – steht nicht die Handlung, sondern die Klanglichkeit und Rhythmik der Sprache bzw. der unterschiedlichen Sprachen, inszeniert unter der künstlerischen Leitung von Barbara Kemmler in kleinen theatralen Szenen. Der Fokus auf Sprache als Schnittstelle zeigt, dass Mehrsprachigkeit kein Problem ist, sondern zu einem faszinierenden kommunikativen Ereignis und Erlebnis werden kann. Denn Kommunikation ereignet sich in Klanglichkeit und Rhythmik, durch gestischen und mimischen Ausdruck, die Verbindung von Sprache und Körperausdruck. In der Theaterproduktion geschieht dies z.B. in Talkshowszenen, die in mehreren Sprachen gespielt werden, oder anhand von unterschiedlichen Musikstilen, vom Popsong bis hin zum „Zungenbrecher-Rap“.

Besonderer Schwerpunkt ist der interkulturelle Aspekt: Die Jugendlichen kommen aus Ländern wie der Türkei, dem Iran, aus Eritrea, Russland, Äquatorialguinea und aus Deutschland. Seit April arbeiten sie mit beeindruckendem Engagement und Ehrgeiz an dem Stück, das gerade von ihrem kreativen Input lebt. Eine Reise in das Land „Glossalia“ wird es werden, mit einer französisch sprechenden Stewardess, mit „Zungenkochrezepten“ auf Persisch und Arabisch und mit einem russischen Wortboxkampf. Dass das Leben in Deutschland für die Jugendlichen dabei nicht immer diese Leichtigkeit hat, wird durch ein Interview mit einer Schauspielerin deutlich, die inzwischen zurück in die Türkei gegangen ist.

Studierende des Germanistischen Instituts der WWU Münster sind unter der Seminarleitung von Sigrid G. Köhler und Barbara Kemmler mit der Erarbeitung von Theaterbühnenkonzepten, bei Regieassistenz und Dramaturgie sowie in der Öffentlichkeitsarbeit am Produktionsprozess von Zungen beteiligt. Neuere Theaterkonzepte zur Performancekunst, Theorieansätze und natürlich auch literarische Beispiele fließen in das Stück ein, wie etwa Texte der Dadaisten, z.B. von Hugo Ball: Sein Gedicht „Karawane“ ruft allein durch das Lautbild Assoziationen an fremde Sprachen, Geräusche wie von Wüstentieren oder rasselnden Ketten hervor. Dass die Zunge mehr ist als nur ein Körperteil, wird in vielen literarischen Werken deutlich. Über eine Zunge zu verfügen bedeutet, Macht zu haben. Der Verlust der Zunge ist Ohnmacht durch Sprachverlust. Eindrucksvoll beschreiben dies Ovids Metamorphosen. Von der interkulturellen Dimension dabei erzählt die deutsch-japanische Autorin Yoko Tawada, bei der die Zunge zur Schnittstelle wird, an der Sprache und Übersetzung in ihrer Faszination wie auch Bedrohlichkeit körperlich fühlbar sind.

Literatur und Alltag liefern die Motive, auf der Bühne tragen die acht jugendlichen Schauspielerinnen und Schauspieler ihr Herz selbst auf der Zunge.

Regie und künstlerische Leitung: Barbara Kemmler
Dramaturgie: Dr. Sigrid G. Köhler
Musikalische Leitung: Udo Herbst

ECHO
Presse und Publikum haben die neue Produktion „Zungen“ stürmisch gefeiert. Kaum auf der Bühne, ist Cactus Junges Theater schon eingeladen, die Inszenierung auf dem internationalen Theaterfestival in Koblenz zu zeigen.

„Auf der Bühne brillieren acht Jugendliche von münsterschen Schulen, die alle verschiedene Muttersprachen haben. … Unter der Regie von Barbara Kemmler und der Dramaturgie von Dr. Sigrid G. Köhler vom Germanistischen Institut der Uni Münster ist eine freche und energiegeladene Performance gelungen, voller Aha-Erlebnisse und überraschende Wendungen … ‚Zungen’ zeigt nicht nur hervorragende Nachwuchsschauspieler, sondern auch, dass Globalität machbar und erlebbar ist. Respekt!“
(MZ, 20.1.2006)

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