WN: 13.07.2021 Beeindruckende Aufführung im Heckentheater

Regie hatte, wie bei vielen vorherigen Produktionen des Theaters Barbara Kemmler.
Was es für ein junges Mädchen bedeutet, die Heimat zu verlasse und nach Deutschland zu kommen, kann man nach “Das liegt im Blut?!” zumindest ansatzweise erahnen, so intensiv und ausdrucksstark wusste Gifty Wiafe das begeisterte Publikum in ihren Bann zu ziehen.
Seit sieben Jahren lebt sie in Deutschland, hat hier Abitur gemacht und studiert. Aber ihre Wurzeln hat sie nie vergessen und eröffnet im Vergleich beider Kulturen einen klaren Blick hinter die Kulissen.Dabei verschont oder idialisiert sie nichts, zeigt viele Dinge auf, die in dem westafrikanischen Land nicht gerade gut laufen. Aber auch hierzulande findet sie Ansatzpunkte für einen kulturellen Vergleich bzw. Austausch. Im Wechsel der Perspektiven hielt sie den Besuchern einen Spiegel vor, animierte dadurch zum Nachdenken und brach so manche eingefahrene Sichtweise auf.
Mit Klischees wusste sie virtuos zu spielen, spontan bereicherte sie den Handlungsablauf mit kleinen Anekdoten aus ihrer Kindheit, Rollenmuster brach sie auf, wenn sie mit Trommeln den Handlungsablauf bereicherte. Solche “Talking drums” sind in Ghana den Männern vorbehalten.

Die Gäste konnten manche Erkenntnis mitnehmen: Wenn die Verantwortlichen in Ghana seit Jahren die Energieversorgung nicht in den Griff bekommen, sollte man in Europa nicht auf einem hohen Ross sitzen. Großprojekte wie der Flughafen Berlin/Brandenburg oder Stuttgart 21 eigneten ich auch nicht gerade zum Vorzeigen.
Wenn Gifty Wiafe von den Slums in Accra erzählt, wo unter schlimmsten Bedingungen europäischer Elektroschrott zerlegt wird, zeigt sie nicht mit erhobenem Zeigefinger auf die westliche Konsumgesellschaft, sondern ließ die Schilderungen für sich alleine wirken. Das bewegt vielleicht mehr als eine Überschüttung mit vielen weiteren Informationen geschafft hätte.
An einer Botschaft von ihr kam niemand vorbei: Man müsse sich irgendwann einmal entscheiden, “ob man ein besserer Mensch werden will oder ein besseres Selfie-Model”.